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Dr. med. Astrid Bühren:
Ärztinnen bewegen die Gendermedizin

Dr. med. Astrid Bühren, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Murnau/Oberbayern, erhielt vor kurzem die Bayerische Staatsmedaille für Verdienste um Gesundheit und Pflege. Wir sprachen mit der Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB).

Zunächst einmal Gratulation! Dass „die Medizin ist weiblich“ nachhaltig in die öffentliche Diskussion eingebracht wurde, ist nicht zuletzt Ihr Verdienst ...


Dr. Bühren: Ich freue mich natürlich sehr, dass dieses Thema inzwischen kein Stirnrunzeln mehr hervorruft, und noch mehr, dass alle, die diese Diskussion mit befördern konnten, viel bewegt haben. Ich erinnere an die Analyse des Deutschen Ärztinnenbundes vor rund zehn Jahren zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den deutschen Krankenhäusern. Hier konnten wir Anstöße geben, die übrigens nicht nur jungen Ärztinnen, sondern auch ihren männlichen Kollegen entgegenkommen. Und dass jetzt endlich unserer Forderung nach Aufhebung eines faktischen Beschäftigungsverbots für angestellte schwangere Ärztinnen in Klinik oder Praxis mit gesetzlichen Änderungen entsprochen wird, ist auch ein Erfolg unserer Arbeit.
Mehr als die Hälfte der Medizinstudierenden in Deutschland sind inzwischen weiblich, davon sind Besetzungen von Leitungspositionen in Krankenhäusern und von Lehrstühlen noch weit entfernt, auch hier sind wir quasi noch unterwegs. Es gibt also noch viel zu tun!

Sie sind – nicht nur in Bayern – eine vielgefragte Referentin und Gesprächspartnerin, wenn es um Themen der Gendermedizin und der geschlechtergerechten Gesundheitsversorgung geht ... Was brennt Ihnen dabei am meisten auf den Nägeln?

Dr. Bühren: Mehr Mitwirkung von Ärztinnen an Entscheidungsprozessen im Gesundheitssystem, bessere Karrierebedingungen und die konsequente Entwicklung einer geschlechtersensiblen Medizin, das sind im übrigen Prozesse, die in einem engen Zusammenhang miteinander stehen. Vor allem Ärztinnen sind nicht zuletzt, das ist international und auch bei uns so, Initiatorinnen einer geschlechtsspezifischen Medizin!
Zunehmend befassen sich auch bei uns in Bayern ärztliche Institutionen, Kliniken und Bildungseinrichtungen des Gesundheitswesens mit Aspekten der Gendermedizin und der geschlechtergerechten Gesundheitsversorgung. So geschehen z. B. in den letzten Wochen am Städtischen Klinikum in München und am Klinikum Nürnberg. Ich finde es besonders sinnvoll, wenn solche Initiativen im Zusammenhang mit Gendermainstreaming entstehen – und deshalb bin ich auch gern dabei. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns nimmt sich dieser Entwicklungen und insbesondere der Gendermedizin auch für den niedergelassenen Bereich sehr engagiert an. Im Februar wird es zum zweiten Mal eine Veranstaltung dazu geben, diesmal mit dem Schwerpunkt Depression bei Frauen und Männern.

Wo gibt es in diesem Prozess aus Ihrer Sicht noch „Baustellen“?

Dr. Bühren: Ich erinnere mich noch sehr gut an die Anfänge: Als ich bei einem Ärztetag Zahlen vorstellte, die eine unzureichende Behandlung von Frauen auf vielen Gebieten wie der Kardiologie und der Notfallmedizin belegten, erntete ich vehementen Protest und Anfeindungen. Inzwischen sind solche Fakten akzeptiert und neue Fragestellungen entstanden. Für mich hat sich eine alte Erfahrung bestätigt – zuerst wird man belächelt, dann beschimpft und zu guter Letzt werden die eigenen Ideen von anderen aufgegriffen und für die ihrigen ausgegeben ...
Aber es bewegt sich was! Ich sehe z. B. in der Epigenetik einen Schlüssel für neue Erkenntnisse: Erbgut, Genmaterial ist nicht unveränderbar, sondern durch Umweltfaktoren zu beeinflussen. Das wird auch den Blick auf die Gendermedizin schärfen, Diagnose und Therapien beeinflussen. Wir können gespannt sein.

Das Gespräch führte Annegret Hofmann