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Gendermedizin:
Nachhaltigkeit nur durch organisatorische
und ressourcenmäßige Etablierung

Im Interview: Prof. Dr. Margarethe Hochleitner, Kardiologin und Gendermedizin-Professorin an der Universität Innsbruck. Sie nimmt an der deutsch-österreichischen Expert/innen-Tagung am 25. Oktober in Berlin teil.

Die Uni Innsbruck kann mit Ende des Studienjahres wieder eine gute Bilanz bezüglich des Themas Gendermedizin ziehen. Vor 12 Jahren haben Sie inzwischen sehr erfolgreiche Ringvorlesungen initiiert. Das war seinerzeit eine Innovation in Österreich und hat inzwischen auch in Deutschland Nachahmer gefunden. Sind Sie zufrieden ... und wird es weitergehen?

Prof. Hochleitner: Wir haben das Konzept, jedes Semester zu einem speziellen Thema gendermedizinische Vorlesungen von Vortragenden aus Klinik und Theorie anzubieten, beibehalten. Im Wintersemester 2019/2020 steht Migrationsmedizin im Mittelpunkt. Wir hatten anfangs vor allem auf Interessierte, Außenstehende, eher als outreach-Aktion, gesetzt, haben zwischenzeitlich vor allem unter unserem Motto „Gender Medizin in die Aus- und Fortbildung aller Gesundheitsberufe“ das Publikum etwas verändert. Unsere Ringvorlesung ist derzeit Wahlfach für Human-, Zahn- und Molekularmedizin, Pflichtfach für den Master Molekularmedizin, mit Fortbildungspunkten für die Ärzt/innenfortbildung ausgestattet, sowie einige andere Gesundheitsberufe wie MTAs, Psychotherapeut/innen, etc. in die non-profit-Lehrgänge der privaten Wirtschaftsfachhochschule integriert (MCI) und natürlich immer noch Publikumsveranstaltung. Die Besucher/innen werden nicht gezählt, nur die Inskriptionszahlen bzw. Unterschriften für Fortbildung. Das sind etwa 200 pro Vorlesung. Für die Zukunft ist eine Verstärkung des Diversitätsgedankens auch auf Wunsch des österreichischen Wissenschaftsministeriums geplant.

Welche Entwicklung hat sich bezüglich der Gendermedizin vollzogen, in der universitären Wahrnehmung, in der Öffentlichkeit?

Prof. Hochleitner: Gendermedizin hat sich generell im Bewusstsein der Bevölkerung kaum integriert, und wenn ja, dann als Frauensache. Im universitären Bereich ist es durch Förderungen, vor allem über die EU, und Forderungen durch das österreichische Wissenschaftsministerium gut angekommen, allerdings nicht zuletzt auch durch das EUGH-Urteil 2018 zum dritten Geschlecht – damit wird Diversitas sehr betont. Natürlich ist Geschlecht einer der Punkte bei Diversitas, aber trotzdem besteht die Gefahr eines Verdrängungsmechanismus. Allerdings ist gerade für die jungen Wissenschaftler/innen inzwischen völlig klar, dass sie gegenderte Daten in ihrer Wissenschaft verwenden müssen, dass gegenderte Auswertungen unverzichtbar sind, dass gegenderte Sprache auch für Projektanträge notwendig ist. Ich habe den Eindruck, dass diesbezüglich an unserer Universität gerade bei den jungen Menschen Gendermedizin in der Normalität angekommen ist, und das ist schließlich das, was wir uns immer gewünscht haben.

In einer Presseinfo aus 2018 las ich von einer Vielzahl prämierter Posterbeiträge aus Innsbruck beim ÖGGSM-Kongress, d. h. die Studierenden und jungen Wissenschaftler finden das Thema spannend …?

Prof. Hochleitner: Das hängt damit zusammen, dass im klinischen PhD (Doktoratsstudium – d. R.) Gendermedizin ein dreisemestriges Pflichtfach ist. Als Abschlussprüfung muss ein Poster oder ein Artikel zu Gendermedizin vorgelegt werden. Das hat am Anfang Ablehnung und Panik hervorgerufen, inzwischen wird aber der Vorteil gesehen. Erstens bietet es Möglichkeiten, Poster, Abstracts und Artikel unterzubringen, und dies ist für die Evaluierung und damit Karriere unverzichtbar. Und zweitens müssen die Studierenden dies selbst managen, da die meisten ihrer Teamleiter/innen hier nicht viel beizutragen haben. Und natürlich macht es den jungen Wissenschaftler/innen richtig Spaß in Wien immer die Preise abzuräumen, wie heuer z. B. die ersten drei!

Die Rahmenbedingungen für die Gendermedizin werden oft – nicht zuletzt in Deutschland – als unzureichend beschrieben, zu wenige Mittel, zu wenig öffentliches Interesse, auch kontraproduktive Diskussionen z. B. zur Genderforschung. Wie schätzen Sie das ein?

Prof. Hochleitner: Ein neues Fach hat immer gewisse Probleme sich zu etablieren, und dann wird Gendermedizin auch noch mit Frauenaktivitäten gleichgesetzt – beides arbeitet gegen das Beharrungsvermögen. Und der Kampf um die Ressourcen an den Universitäten endet nicht bei Gendermedizin. Selbstverständlich hätten wir alle gerne mehr von allem, und ich sehe schon, wenn ich in Deutschland unterwegs bin – was ich häufig bin, als Gutachterin bzw. als Vortragende, zuletzt an der Uni Erlangen, demnächst an der Uni Kiel, immer wieder in Berlin – dass Gendermedizin wie generell viele „Frauenanliegen“ als Hobby bzw. pro bono-Arbeit von Frauen angesehen wird. Ich habe für mich vor vielen Jahren erkannt, entweder es gibt eine organisatorische und damit auch ressourcenmäßige Implementierung von Gendermedizin, oder ich bleibe bei meiner Kardiologie. Es ist selbstverständlich, bei einer neuen Idee einmal zu beginnen, einfach anzufangen, ohne nach Unterstützung und Mittel zu fragen, mit Gleichgesinnten daran zu arbeiten, aber eine Nachhaltigkeit ist nur durch organisatorische und ressourcenmäßige Etablierung möglich. Daran scheint es mir an vielen deutschen Universitäten noch zu fehlen. Ich glaube, dass eine mittelfristige Zukunft für Gendermedizin nur über die Errichtung einer Professur, eines Instituts, d. h. einer Organisationseinheit möglich ist. Ansonsten hängt es immer vom Wohlverhalten und Wohlwollen einzelner Personen ab. Damit ist eine längerfristige Planung und Arbeit nicht möglich.
Warum es von Anfang an im deutschsprachigen Raum zur fast Sprachlosigkeit zwischen Gendermedizin und Genderstudies gekommen ist, verstehe ich nicht. Allerdings komme ich von der Medizin, der Kardiologie, den Schrittmachern, wo Ideologie eine kaum wahrnehmbare Rolle spielt. Trotzdem ist es mir nicht verständlich, warum nicht unterschiedliche Ansätze diverser Richtungen akzeptiert werden können und das gemeinsame Ganze in den Vordergrund gestellt wird. Noch dazu, wo wir wohl kaum um dieselben Förderungen, Ressourcen und Unterstützungen konkurrieren.

Wir treffen uns am 25. Oktober in Berlin zu einer ersten bilateralen Expert/innen-Tagung zum Thema geschlechtergerechte/-sensible Gesundheitsversorgung in Deutschland und Österreich. Wir freuen uns sehr, dass Sie dabei sind – was sind Ihre Wünsche an die Tagung bzw. was wünschen Sie sich für die zukünftige Zusammenarbeit auf diesem Gebiet?

Prof. Hochleitner: Es ist für uns immer toll und auch sehr bereichernd, Engagierte aus diversen Organisationseinheiten, Universitäten und Ländern, die sich für dieselben oder ähnliche Themen interessieren, zu treffen, sich mit ihnen auszutauschen, gute Ideen übernehmen zu können oder gemeinsam Projekte zu planen. Außerdem ist es auch psychologisch immer hilfreich zu sehen, welche Probleme die anderen haben. Eine offizielle Vernetzung bzw. regelmäßige Treffen wäre sehr hilfreich, weil inoffizielle Verbindungen sehr gerne versanden. Wenn so was möglich ist, wäre es sicher eine große Hilfe für die Gendermedizin im deutschsprachigen Raum.
 
Das Gespräch führte Annegret Hofmann