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Karin Höhne, BIH
Auf einem guten Weg: 
Sex- und Genderaspekte in der translationalen Forschung

Für die biomedizinische Forschung spielten biologisches oder gar soziales Geschlecht von Patientinnen und Patienten in der Vergangenheit kaum eine Rolle. Beim BIH – dem 2013 gegründeten Berliner Institut für Gesundheitsforschung mit den Partnern Charité und Max-Delbrück-Centrum (MDC) – werden universitäre bzw. klinische, patientenorientierte Forschung mit grundlagenorientierter, nicht-universitärer Forschung in einer neuen Struktur verbunden. Forschungen zu Geschlechteraspekten erfahren große Aufmerksamkeit. Wir sprachen darüber mit Karin Höhne, Referentin für Chancengleichheit.

Sex- und Genderaspekte in der translationalen Forschung – dazu gab es 2017 die erste BIH-Ausschreibung. Welche Erfahrungen konnten gewonnen werden? 

Karin Höhne: Grundsätzlich will das BIH mit dem Excellence Award ein Zeichen setzen für die Berücksichtigung von Geschlechteraspekten in der personalisierten Medizin. Mit dem ersten BIH Excellence Award for Sex and Gender Aspects in Health Research im Jahr 2017 wurden zwei renommierte internationale Wissenschaftlerinnen ausgezeichnet, die dies maßgeblich in ihre Forschung integrieren und mit ihren unterschiedlichen Forschungsansätzen überzeugt haben.
Professorin Louise Pilote von der McGill Universität und dem Forschungsinstitut des McGill University Health Centre (RI-MUHC) in Montreal, Kanada, ist weltweit eine der wenigen Medizinerinnen, die sich auf soziale Geschlechterunterschiede im Bereich der kardiovaskulären Forschung spezialisiert hat. Die meisten Forschungsansätze beziehen bisher ausschließlich das biologische Geschlecht mit ein und vernachlässigen die Auswirkungen von kulturell geprägten Geschlechterrollen. Pilote berücksichtigt diese Kriterien in ihrer Forschung und hat daraus einen Gender Score entwickelt, mit dem sie mögliche Effekte von sozialen Geschlechterunterschieden auf medizinische Fragestellungen am Beispiel kardiovaskulärer Erkrankungen untersucht und Therapieansätze entwickelt.
Die Forschung von Professorin Rhonda Voskuhl von der Universität Kalifornien, USA, zeichnet sich durch ihren starken translationalen Fokus aus, also die Überführung von Ergebnissen aus Grundlagen- und klinischer Forschung in die medizinische Praxis. Die Neurologin untersucht biologische Geschlechterunterschiede bei chronisch degenerativen Erkrankungen am Beispiel Multipler Sklerose. Sie erforscht molekulare Mechanismen in präklinischen Studien und entwickelt daraus geschlechterspezifische Biomarker für neuartige Therapieansätze.
Beide Wissenschaftlerinnen haben gemeinsame wissenschaftliche Projekte mit Partner/innen aus der Charité vertieft. Die lokale Wissenschaftscommunity profitiert sehr von dieser Zusammenarbeit! Gemeinsam mit ihrem Berliner Partner, Prof. Dr. Stefan Gold, hat Rhonda Voskuhl erfolgreich eine Pilotstudie bei der National Multiple Sclerosis Society (USA) eingeworben, weitere Anträge sind geplant. Der von Louise Pilote entwickelte Gender Score wird derzeit von Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek und einem Team in der Berliner GendAge Studie eingesetzt, um neben dem biologischen Geschlecht auch die Rolle des sozialen Geschlechts in Bezug auf kardiovaskuläre Risikofaktoren und Krankheiten zu analysieren. (s.a. NL Sept. 2018)

Nun wurde eine zweite Ausschreibung gestartet ...

Karin Höhne: Mit der diesjährigen Ausschreibung geht es ebenfalls um die Stärkung von Kooperationen. Die Auswahl der Bewerbungen erfolgt zu gleichen Teilen auf Basis der bisherigen Forschungsleistungen als auch auf einem geplanten gemeinsamen Forschungsprojekt mit Berliner Partner/innen. Daher stellen wir einen Großteil des Preisgeldes für das gemeinsame Forschungsprojekt zur Verfügung.
Zudem veranstaltet das BIH am 24. September 2019 ein Symposium für Studierende und Nachwuchswissenschaftler/innen zu Sex- und Genderaspekten in der translationalen Forschung. Erfahrene Wissenschaftler/innen werden in Vorträgen und Workshops Einblicke in ihre Forschung geben und gemeinsam mit den Teilnehmenden über die Berücksichtigung von Geschlechteraspekten in der biomedizinischen Forschung diskutieren. Im Rahmen des Symposiums wird gleichzeitig der Preisträger/die Preisträgerin des BIH Excellence Award ausgezeichnet und einen Impulsvortrag halten. Das Programm wird im Laufe der kommenden Wochen veröffentlicht. Interessierte können sich gern an equal.opportunity@bihealth.de wenden.

Sie verfolgen dabei vor allem die Aktivitäten von Frauen in der Wissenschaft ...

Karin Höhne: Dazu sollte man sich den 11. Februar vormerken: Vor dem Hintergrund des Internationalen Tages der Mädchen und Frauen in der Wissenschaft“ – werden im BIH zehn Video-Porträts von Wissenschaftlerinnen des BIH, der Charité und des MDC präsentiert, die die translationale Medizin voranbringen (darunter Netzwerk-Beiratsmitglied Prof. Vera Regitz-Zagrosek und Prof. Sylvia Thun, auch schon im NL vorgestellt – d. Red.). Dazu gibt es eine spannende Referentin: Rana Dajani ist Professorin, Molekularbiologin und derzeit Associate Professor an der Hashemite University, Jordanien, zusätzlich Harvard Radcliff Fellow, Fulbrighter Eisenhower Fellow, in Yale und Cambridge Gastprofessorin. Sie gilt als eine der einflussreichsten Wissenschaftlerinnen der islamischen Welt. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit setzt sie sich für Frauenrechte ein, hat ein Mentoringnetzwerk gegründet und leitet das We-Love-Reading-Programm, das sich für die Alphabetisierung von Kindern in 30 Ländern einsetzt. Interessent/innen sind herzlich willkommen!

Mit Karin Höhne sprach Annegret Hofmann

Mehr zum Termin 11. Februar, BIH Berlin:
https://www.bihealth.org/de/institut/chancengleichheit/portraits-inspiring-women-in-translational-medicine/?L=0