Prof. Dr. Annette Peters
Foto: Helmholtz-Zentrum-München
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Prof. Dr. Annette Peters
Halbzeit bei der NAKO: Neue Fragestellungen anregen, Kooperationen aufbauen

Die NAKO – ein Mammutprojekt! Anders kann man die bislang umfangreichste Langzeit-Gesundheitsstudie mit angestrebt 200.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zwischen 20 und 69 Jahren in Deutschland wohl nicht charakterisieren. Die „Nationale Kohorte“, wie sie anfänglich hieß, hat es sich zum Ziel gemacht, Aufschluss über die Ursachen der großen Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und Depression zu erhalten. Zweimal werden die Teilnehmenden bis 2022 zu medizinischen Untersuchungen und kognitiven Tests eingeladen – in 18 Studienzentren landesweit, fünf davon mit der Möglichkeit der Untersuchung per MRT.

Seit Oktober 2018 ist Prof. Dr. Annette Peters Vorstandsvorsitzende der NAKO Gesundheitsstudie. Wir sprachen mit der Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München.


Es war im Profil der NAKO angelegt, dass Männer und Frauen zu gleichen Teilen in die Studie einbezogen werden. Nun haben wir Halbzeit, in etlichen Studienzentren hat Phase zwei mit erneuten Einladungen an die Teilnehmer/innen begonnen. Ist die Geschlechterparität zu erreichen?

Prof. Peters: Man kann es mit den allgemein bekannten Erfahrungen zum Gesundheitsverhalten vergleichen: Frauen haben hier die Nase vorn, wenngleich auch nicht sehr weit, sondern, was die Beteiligung an der Studie betrifft, mit rund 51 Prozent – und das bei bis jetzt 194.000 Teilnehmer/innen (Stand Januar 2019). Und dass dabei junge Männer bis 30 am schwersten zu gewinnen sind, zeigt sich auch bei der NAKO. Die Gründe dafür zu ermitteln, dürfte eine interessante Frage sein, die wir vielleicht im Laufe der NAKO besser beantworten können. Auch mit Blick auf Gesundheitsverhalten, Vorsorge und Prävention.

Ich erinnere mich, dass Expert/innen einer Gendermedizin-Tagung zu Beginn der Studie beklagten, das Projekt sei nicht so angelegt, dass daraus explizit ein Gewinn für eine geschlechterspezifische Gesundheitsversorgung zu erwarten sei. Wie sehen Sie das?

Prof. Peters: Ich bin seit 2015 im Vorstand der NAKO dabei und weiß, dass es von Anbeginn an Bemühungen gab, eventuelle Lücken zu füllen. Das betrifft auch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Krankheit und Gesundheit. Im Verlauf der KORA-Studie – Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg – , die ich leite, sind wir immer wieder auf die Relevanz solcher Geschlechterunterschiede gestoßen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Herzerkrankungen.
Was sind die auslösenden Faktoren für einen Herzinfarkt bei Männern und Frauen bzw. auch, wie verändern sich diese im Verlauf der Zeit? Wie ist das bei anderen Erkrankungen, nehmen wir nur die Depression, die mittlerweile nicht nur als „Frauenkrankheit“ in Fokus steht. Inwieweit hängen Unterschiede im Krankheitsverlauf oder in der Krankheitswahrnehmung auch mit soziokulturellen Faktoren zusammen, mit der Veränderung der Rolle von einzelnen und Gruppen in der Gesellschaft? Solche Aspekte und Auswertungen in die NAKO zu integrieren und damit noch zielgenauere Aussagen zu erreichen, ist zu jedem Zeitpunkt des Studienverlaufs möglich!

Können wir somit von den Ergebnissen der NAKO Gesundheitsstudie auch Fakten für eine bessere, zielgruppenorientiertere und somit auch geschlechtersensible Medizin und Gesundheitsversorgung erwarten?

Prof. Peters: Wie gesagt, die erste Phase – mit einer Riesenfülle an Daten – ist in der Auswertung. Das bedeutet, dass unsere Expertengruppen die Ergebnisse anschauen, vergleichen, bewerten, eventuell neue oder modifizierte Fragestellungen anregen. Solche Fragestellungen wünschen wir uns natürlich auch von Expertinnen und Experten von außerhalb der NAKO-Teams. Wenn sich also Gendermediziner/innen bei uns melden, sind wir auf jeden Fall dankbar. So ist denkbar, dass Ergebnisse anderer, kleinerer Studien einbezogen oder Erfahrungen bei Befragungen genutzt werden.
Wichtig ist doch: Was bei der NAKO herauskommt, soll Prävention und gesundheitliche Versorgung besser machen, mit Blick auf einen längeren Zeitraum. Und für alle. Und was mir sehr am Herzen liegt: Die Schnittstelle zu den Expert/innen aus den Sozialwissenschaften ist unübersehbar. Auch hier sind Kooperationen gewünscht!

Das Gespräch führte Annegret Hofmann

Infos zur Nako-Langzeitstudie