Studie im medizinischen Bereich:
Abwertende Sprache, unerwünschter Körperkontakt

Internationale Studien über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz deuten auf ein erhöhtes Risiko im medizinischen Bereich hin. Allerdings lagen bislang keine Daten für die Häufigkeit von Grenzverletzungen im klinischen Alltag in Deutschland vor. Vor diesem Hintergrund haben Charité-Wissenschaftlerinnen in Zusammenarbeit mit den Gleichstellungsbeauftragten der Charité die Studie Watch – Protect – Prevent (WPP) durchgeführt. Durch Aufmerksamkeit, Schutzangebote und vorbeugende Maßnahmen sollen sexuelle Grenzverletzungen aufgedeckt, eingeschränkt und bestmöglich vermieden werden. Die aktuelle Veröffentlichung in JAMA Internal Medicine ist einer von drei Studienteilen des von durchgeführten Projektes. 

Die Ergebnisse beruhen auf einer anonymen, standardisierten Online-Befragung, die unter 743 Ärztinnen und Ärzten der Charité von Mai bis Juli 2015 durchgeführt wurde. Gefragt wurde zu Formen von erlebtem Fehlverhalten während des gesamten Berufslebens und somit auch vor der Tätigkeit der Befragten an der Charité. Erhoben wurden zudem die Folgen und die Profile der Verursacher sowie die Verfügbarkeit von strukturellen Informationen. 60 Prozent der Teilnehmenden waren weiblich, 39 Prozent männlich und ein Prozent hat eine andere Geschlechtsidentität angegeben.

Die Ergebnisse zeigen, dass 70 Prozent der Befragten im Laufe ihres gesamten Arbeitslebens eine Form der Belästigung erfahren haben. Bei den befragten Frauen waren es rund 76 Prozent, bei den Männern 62 Prozent. Am häufigsten kam es zu verbalen Belästigungen aufgrund von abwertender Sprache mit 62 Prozent sowie aufgrund von anzüglichen Sprüchen mit 25 Prozent. Weiterhin haben die Befragten angegeben, Grenzverletzungen wegen unerwünschtem Körperkontakt (17 Prozent), Erzählungen mit sexuellem Inhalt (15 Prozent) sowie Nachpfeifen und Anstarren (13 Prozent) erfahren zu haben. Andere Formen von Fehlverhalten wurden wie folgt angegeben: sexuelle Angebote und unerwünschte Einladungen (7 Prozent), Belästigungen in schriftlicher Form, Bildern oder Witzen (6 Prozent), obszöne Gesten (5 Prozent). Die Betroffenen wurden am häufigsten von Kolleginnen und Kollegen belästigt. Bei Frauen spielten zudem männliche Vorgesetzte eine zentrale Rolle.

„Wir als Vorstand der Charité tolerieren keine Form von sexueller Belästigung und vergleichbaren Grenzverletzungen – ob in der Klinik, im Institut, im Seminarraum oder im Verwaltungsbereich“, erklärt Prof. Dr. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité. Der Vorstand der Charité sehe sich in der Pflicht, hierfür die entsprechenden Beratungs- und Hilfsangebote bereitzustellen.
Als deutschlandweit einziges Universitätsklinikum hat die Charité eine Richtlinie zur Vorbeugung von Grenzverletzungen verabschiedet. Hierin hat der Vorstand null Toleranz gegenüber sexueller Belästigung festgelegt. Die Richtlinie zeigt verbindliche Rahmenbedingungen mit ausführlichen Verhaltenskodizes für alle Beschäftigten auf.
Darüber hinaus können die Beschäftigten der Charité ein Whistle-Blower-Programm zur anonymen Meldung von Verdachtsfällen nutzen oder sich an einen Vertrauensanwalt wenden. 

Jenner S, Djermester P, Prügl J, Kurmeyer C, Oertelt-Prigione S. Prevalence of Sexual Harassment in Academic Medicine. JAMA Intern Med. Published online October 03, 2018. doi:10.1001/jamainternmed.2018.4859.
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