Foto
Zoom
 + 

Dr. Anna Dorothea Wagner
Geschlechterunterschiede beim Krebs:
Trennung von alten Denkmustern 

Man sieht nur, was man weiß! Diesen Satz findet die Onkologin Dr. Anna Dorothea Wagner von Universitätsklinikum Lausanne in ihrer Arbeit immer wieder bestätigt. Und deshalb brennt ihr, insbesondere für ihr Fach, auf den Nägeln: „Wir müssen das vorhandene Wissen zu Geschlechterunterschieden bei Krebs für die Ärzt/innen und Ärzte nutzbar machen – und wir müssen weitere intensive Forschungen dazu anstoßen!“ Ende 2018 organisierte sie deshalb in Lausanne den ESMO-Work–shop „Gender Medicine meets Oncology“.  Die Resonanz stimmt sie optimistisch. Wir sprachen mit Dr. Wagner.

In den Richtlinien der europäischen Arzneimittelagentur EMA zu onkologischen Wirkstoffen finden sich, so bemerkten Experten noch vor kurzem, keine geschlechtsspezifischen Informationen, auch nicht in Zusammenhang mit der Pharmakokinetik ...

Dr. Wagner: Solche Feststellungen wie auch der klinische Verdacht, dass bestimmte Therapien bei gleicher Krebserkrankung von Frauen und Männern unterschiedlich wirken, waren der Anlass für den Workshop. Es gibt z.B. nicht zu leugnende, mitunter schwerwiegende Nebenwirkungen bei Chemotherapien, die teilweise in unterschiedlicher Häufigkeit bei Frauen und Männern auftreten. Dass weiterhin auch die Biologie der Tumoren teilweise Unterschiede aufweist, wird mehr und mehr erkannt und eröffnet ein weites Feld für dringend notwendige Forschungen. Ich finde das ungeheuer spannend!

Wie kommt es, dass es ausgerechnet die ja weltweit gefürchteten und wissenschaftlich seit langem im Fokus stehenden Krebserkrankungen sind, die so wenig auf ihre Geschlechtsspezifik untersucht wurden?

Dr. Wagner: Diese Art, Krankheiten zu betrachten – auch in ihrer Entstehung -, ist ein relativ neues Gebiet. Das Konzept der geschlechtsspezifischen Therapie wurde initial in der Kardiologie entwickelt. Führende Vertreter des Fachs sind Kardiologen, es gab einfach noch keine Onkologen, die sich dafür interessiert haben.

Dass die Forschungen diesbezüglich intensiviert werden müssen, dass Daten ausgetauscht und Studien angeregt werden müssen, ist ganz sicher keine Frage. Krebsregister müssen zuverlässig geführt und vor allem ausgewertet werden ...

Dr. Wagner: Vor allem müssen die Daten klinischer Studien im Hinblick auf Geschlechtsunterschiede analysiert werden, die Ergebnisse solcher Analysen müssen in den Publikationen erwähnt werden. Weiterhin müssen – falls Unterschiede in den Medikamentenwirkungen- oder Nebenwirkungen bestehen – diese ernst genommen werden und Anlass zu weiteren Forschungen geben: Wodurch können diese Unterschiede möglicherweise erklärt werden? Gibt es Unterschiede im Medikamentenstoffwechsel oder in der Prognose der unbehandelten Erkrankung?

Sie selbst arbeiten am Krankenbett. Wie schnell müssen neue Erkenntnisse umgesetzt werden, um Patientinnen und Patienten zugute zu kommen. Krebs ist ja auch immer ein Rennen gegen die Zeit.

Dr. Wagner: Das ist ohne Frage so. Wir brauchen dieses neue komplexe Wissen zeitnah, um verstehen zu können, was bei dieser Krankheit geschieht, was was bewirkt oder auch nicht. Es geht um die Bewertung von Studienergebnissen, Dosisindividualisierung, sicher auch um den geschlechterunterschiedlichen Umgang mit der Erkrankung und die erforderliche kompetente fachliche Begleitung, um nur einige Beispiele aus der Praxis zu nennen. Wichtig sind sowohl zunächst retrospektive Analysen vorhandener Daten und Publikationen im Hinblick auf mögliche Geschlechtsunterschiede; danach aber klinische Studien, die belegen, dass durch geschlechtsspezifische Dosierungen oder Behandlungsstrategien sich die Ergebnisse verbessern lassen. Und wir selbst müssen uns in den Köpfen von der Annahme trennen, dass Krebserkrankungen, wie zum Beispiel das Magenkarzinom, bei Männern und Frauen die gleiche Erkrankung sind und auch gleich behandelt werden sollten. Weiterhin müssen Geschlechtsunterschiede, z. B im Medikamentenstoffwechsel, sowie mögliche Unterschiede in der Tumorbiologie und -prognose in die Lehr- und Weiterbildungspläne aufgenommen werden. Die Europäische Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) hat die Herausforderung erkannt und wird sich ihrer annehmen. Wir stehen in der Onkologie noch ziemlich am Anfang, aber wir haben uns auf den Weg gemacht.

Das Gespräch führte Annegret Hofmann