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Prof. Dr. Gabriele Kaczmarczyk
Im Schneckentempo. Gendermedizin in der Lehre

Wie steht es mit der Implementierung von Inhalten der geschlechtsspezifischen Medizin in die Lehre derjenigen Universitäten, an denen in Deutschland Medizin studiert werden kann? Dieser Frage hat sich eine vom Deutschen Ärztinnenbund initiierte Umfrage bei den Studiendekanaten gewidmet. Wir sprachen darüber mit Prof. Dr. Gabriele Kaczmarczyk, Vorstand Deutscher Ärztinnenbund und Deutsche Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin (DGesGM).

Geschlechtsspezifische Lehre an den medizinischen Fakultäten in Deutschland – danach fragte der Deutsche Ärztinnenbund im vergangenen Jahr an den Uni. Nun liegen die Ergebnisse vor. Sind Sie zufrieden?

Prof. Kaczmarczyk: Die Rücklaufquote ist mit 89 Prozent – 32 Fakultäten – sehr gut, aber die Ergebnisse sind ernüchternd. Nicht nur, dass es große Unterschiede zwischen den Fakultäten gibt, was den Stellenwert der Gendermedizin betrifft. Von einer systematischen Integration als Querschnittsthema, das sich durch alle medizinischen Fächer zieht, kann nicht die Rede sein. Nur in einer einzigen Fakultät entsprechen die Lehrinhalte konsequent gendermedizinischen Aspekten.

Welche ist das?
Prof. Kaczmarczyk: Die Medizinische Fakultät der Charité.

Wo sind aus Ihrer Sicht die Ursachen für solche Unterschiede? Warum ist man an vielen Hochschulen so zurückhaltend?

Prof. Kaczmarczyk: Da gibt es sicher viele Gründe. Dass biologische und soziokulturelle Komponenten, die, im Begriff Gendermedizin zusammengefasst, bei Frauen und Männern zu unterschiedlichen Erkrankungen und damit zu unterschiedlichen Anforderungen bei deren Diagnose, Therapie usw. führen, setzt sich langsam durch, das braucht seine Zeit im Medizinbetrieb. Zumal in den Hochschulen mit ihren mitunter zähen Prozessen der Erarbeitung von Curricula, mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten, letztlich auch mit Vorlieben von Lehrstuhlinhabern und Lehrenden. Dass Gendermedizin seine Wurzeln u. a. in der feministischen Frauengesundheitsforschung hat, trägt bei manch einem auch noch zur Skepsis bei.
Und nicht zuletzt: Es hat sich gezeigt, dass sich Wissenschaftlerinnen und Ärztinnen bei Themen der Gendermedizin besonders engagieren. Der Frauenanteil bei den Medizin-Studierenden ist so hoch wie nie, und auch in den Forschungseinrichtungen, Kliniken und Praxen sind zunehmend mehr Frauen tätig. Sie sitzen aber – noch nicht – mit an den entscheidenden Stellen, wenn es um Forschungsprojekte oder auch Lehrinhalte geht. In drei medizinischen Hochschulen gibt es keine Frau auf einem Lehrstuhl. Und wenn wir dann hörten, dass bei 13 Fakultäten das Thema Gendermedizin „in der Hand der Lehrbeauftragten“ liege, erklärt sich vieles.
Zum Teil obliegt das Thema Gendermedizin den Frauenbeauftragten...
Prof. Kaczmarczyk: Auch das ist so ein alter Zopf. Bei sieben Fakultäten ist dies der Fall. Aus unserer Sicht wird Gendermedizin hier völlig falsch verstanden.

Das heißt also, bis auf wenige Ausnahmen und erste Ansätze, zum Beispiel durch Ringvorlesungen und – oft nur temporäre – Angebote in einzelnen Fächern, spielt Gendermedizin in der Ausbildung zukünftiger Ärztinnen und Ärzte kaum eine Rolle?
 Prof. Kaczmarczyk: So stellt es sich dar. Wir haben auch eine Frage zur Nachhaltigkeit integrierter Aspekte der Gendermedizin gestellt. Hier haben sich sechs Fakultäten u. a. zur Verantwortung des Dekanats bekannt. Aber es sind auch fünf Fakultäten, die keine Vorhaben zur Etablierung nachhaltiger Strukturen planen

Haben Sie einen Forderungskatalog?

Prof. Kaczmarczyk: Der ist ziemlich umfangreich. Wenn wir zukünftig eine den unterschiedlichen Geschlechtern entsprechende medizinische Versorgung sichern wollen, brauchen wir dringend Ärztinnen und Ärzte, die dafür ausgebildet sind. Wir brauchen Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer, die diesem Thema gegenüber nicht nur aufgeschlossen sind, sondern es mit durchsetzen helfen. Und zwar dringend. Wir brauchen neue Curricula, müssen aber auch vorliegende aktualisieren. Wir brauchen überzeugende wissenschaftliche Forschungsergebnisse, zum Beispiel durch Studien, die nach Geschlechtern ausgewertet werden, wir brauchen eine adäquate Versorgungsforschung, die soziologische Daten mit einbezieht. Das könnte ich fortsetzen.

Weitere Informationen:
DÄB-Umfrage:
http://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=185056

http://www.aerztinnenbund.de/Neue-Umfrage-des-Deutschen-rztinnenbundes-e-V.2590.0.2.html

DÄB-Dokumentation Medical Women on Top
http://www.aerztinnenbund.de/Neue-D-B-Dokumentation-Medical-Women-on-Top.2555.0.2.html