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Prof. Ute Latza:
Nichts spricht gegen die Frau auf dem Kran!

Prof. Dr. rer. nat. Ute Latza leitet in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Berlin, die Fachgruppe „Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen“. Wir sprachen mit ihr über gendersensible Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt.

Männer und Frauen sind unterschiedlich – was bedeutet das aus Ihren Erfahrungen heraus für die Arbeitsmedizin?

Prof. Latza: Auch in der Arbeitswelt stellen Männer und Frauen keine homogenen Gruppen dar. Dennoch unterscheiden sich berufliche Risikofaktoren und Ressourcen und die daraus resultierenden Gesundheitsgefährdungen. Weibliche und männliche Erwerbstätige arbeiten in unterschiedlichen Berufen und Branchen (horizontale Segregation). Darüber hinaus sind Frauen seltener auf gehobener Führungsebene vertreten (vertikale Segregation), aber häufiger teilzeitbeschäftigt und durch Kombination von bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Arbeit zu Hause doppelbelastet. Die geringe Präsenz von Frauen auf oberen Führungsebenen sowie allen Ebenen des Arbeitsschutzes (z.B. Sicherheitsfachkräfte) in Kombination mit dem geschlechtsneutralen, technikfokussierten Ansatz des Arbeits- und Gesundheitsschutzes birgt die Gefahr, dass vorrangig Männer betreffende arbeitsbedingte Risiken untersucht werden. Geschlechtsinsensibilität und Androzentrismus bzw. die Übergeneralisierung von Befunden von Männern auf Frauen können zu einer Diskriminierung weiblicher Beschäftigter in Forschung und Praxis führen.

Bei welchen Erkrankungen wird das besonders deutlich?

Prof. Latza: Die Frauengesundheitsforschung hat gezeigt, dass Frauen anders als Männer erkranken. Viele Krankheiten treten bei ihnen später – oder seltener – auf, wie Auswertungen von Versorgungsleistungen (wie Arbeitsunfähigkeit oder Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit) zeigen, verlaufen unterschiedlich oder äußern sich durch andere Symptome. Das zeigt sich bei auch bei sozioökonomisch relevanten Erkrankungen wie denen des Muskel-Skelett- und Herz-Kreislauf-Systems und des Stoffwechsels. Trotz z. T. guter deskriptiver Datenlage (z.B. SuGA, BIBB/BAuA) sind viele arbeitsmedizinische/-epidemiologische Studien wenig sensibel bezogen auf die Gesundheit und die speziellen Bedürfnisse weiblicher Beschäftigter. Hierfür sind konzeptionelle Überlegungen zu Gender auf allen Ebenen der Datenerhebung/-auswertung und Interpretation notwendig. Dabei sollte der Frage nachgegangen werden, ob es Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Beschäftigten in Bezug auf arbeitsbedingte Gesundheitsrisiken gibt, die sich aus genderspezifischen Unterschieden in anderen sozialen Kategorien (z.B. Anforderungen aus Pflege-/Sorgearbeit) erklären lassen. Geschlechtsunterschiede finden sich auch bei sozioökonomisch relevanten Erkrankungen wie denen des Muskel-Skelett- und Herz-Kreislauf-Systems, des Stoffwechsels und der Psyche. So soll es z.B. in einer geplanten Kampagne der europäischen Arbeitsschutzorganisation EU-OSHA zur Prävention arbeitsbedingter Muskel-Skelett-Erkrankungen auch einen Schwerpunkt bezüglich Gender geben.

Alle Berufe sollen möglichst allen offenstehen - gibt es solche, die für Frauen ungeeignet sind? Früher hieß es z.B., Frauen sollten nicht Traktor fahren ...

Prof. Latza: Die Segregation führt zu unterschiedlichen Frauenanteilen in den Berufen. Bei einem hohen Anteil an Frauen spricht man von frauendominierten Berufen, bei einem hohen Männeranteil von männerdominierten Berufen. In typischen frauendominierten Berufen gibt es neben häufiger Teilzeitbeschäftigungen häufig auch ein vergleichsweise geringfügiges Einkommen.
Männerdominierte Berufe mit einem Frauenanteil unter ein Prozent sind z.B. in den Baugewerken anzutreffen (Maurer/in, Betonbauer/in, Beton- u. Stahlbetonbauer/in, Gerüstbauer/in, Baggerführer/in ...). Hier gibt es z. T. schwere oder sehr schwere Körperarbeit. Es ist aber auch eine Frage der guten Arbeitsgestaltung, ob und in welchem Ausmaß hierbei körperlich schwere Arbeit vorkommt. Gut gestaltete Arbeit zahlt sich für Männer und Frauen aus. So waren früher sogenannte männliche Schauerleute für das Laden und Löschen der Schiffe im Hafen zuständig. In modernen Hafenanlagen übernehmen diese schwere Arbeit automatische Portalkräne und selbst fahrende Elektroautos. Und auf den Kränen findet man heute verstärkt Frauen.
Andersherum zeigen typische frauendominierte Berufe mit etwas höherem Männeranteil (z.B. Kindergärtner/in, Krankenschwestern, -pfleger/in, Apotheker/in), dass es keinen Grund gibt, warum Männer diese nicht ausüben können. Das gilt auch für den Beruf der Sprechstundenhelfer/innen, der aktuell einen Männeranteil unter ein Prozent hat.

Sind Betriebliche Gesundheitsförderung bzw. die Angebote der Prävention am Arbeitsplatz auf dem richtigen Weg?

Prof. Latza: Es besteht Forschungsbedarf zur Frage des gendergerechten Zugangs und der Inanspruchnahme von Präventionsangeboten (wie der Betrieblichen Gesundheitsförderung - BFG). So konzentrierten sich anfänglich die durch Krankenkassen geförderten Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung v. a. auf das verarbeitende Gewerbe. Hier gibt es einen vergleichsweise hohen Männeranteil. In Auswertungen der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung geben Frauen seltener an, Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung angeboten zu bekommen. Allerdings nahmen Frauen solche Angebote eher an als ihre männlichen Kollegen.
Im Rahmen eines BMBF-Projekts wurde bei uns, im Austausch mit anderen Arbeitsgruppen, eine Gender-Bias-Checkliste entwickelt, die potenzielle Verzerrungseffekte aufgrund von Sex-/Gender-Aspekten in arbeitsepidemiologischen Studien bewertet. Ähnliche Bestrebungen gibt es auch für die Betriebliche Gesundheitsförderung. Das erscheint mir ein geeigneter Ansatz, gendersensible BGF weiterzuentwickeln.
Aber auch in Fragen der Sekundärprävention (wie arbeitsmedizinische Vorsorge), der Tertiärprävention (Betriebliches Eingliederungsmanagement/Return-to-Work) und Kompensationsleistungen (v. a. Berufskrankheiten) fehlt bislang noch eine geschlechtssensible Forschungsgrundlage.

Das Gespräch führte:
Annegret Hofmann


Hintergrundinformationen:
BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung:
https://www.bibb.de/arbeit-im-wandel
https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/macht-langes-sitzen-frauen-anders-krank-als-manner-9097.php