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Beachtenswertes Tempo, viele Aktivitäten:
Gendermedizin in Südtirol

Gendermedizinisches Know-How vermutet man zuerst in den medizinischen Wissenschaftszentren, an den Universitäten, klar. Aber in Bozen? Diesem paradiesischem Ort kurz hinter den hohen Bergen, wo man schon den Wind vom Mittelmeer ahnt? Die nächsten Unis mit Medizinstudium sind Innsbruck im Norden und, südlicher, Verona.

Dennoch erreichen uns schon seit längerem Nachrichten aus Südtirol, die interessante Aktivitäten zur Gendermedizin signalisieren. Doktorin Veronika Rabensteiner (unser Foto) ist Amtsdirektorin bei der Südtiroler Provinzverwaltung und zuständig für die Ausbildung des medizinischen Personals. Wir besuchen sie in ihrem Büro am Rand der südtiroler Provinzhauptstadt mit Blick auf die Ausläufer der Sarntaler Alpen. 

„Gendermedizin steht bei uns schon fast zehn Jahre auf dem Themenplan – und zwar nicht nur in der Ausbildung medizinischen Personals wie Schwestern, Pfleger oder Hebammen an unserer Claudiana,der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe, sondern auch in Bezug auf die Information der Bevölkerung“, erzählt sie uns. Sie hat sich in Italien mit einer Reihe von Initiativen, Tagungen und Fernkursen zur Verbreitung der Gender Medizin einen Namen gemacht. Zwei großen Südtiroler Symposien „Frauengesundheit – Gendermedizin“ (2007 und 2014) folgt am 7. Oktober dieses Jahres ein weiteres mit dem Schwerpunkt Neurologische Erkrankungen. Enge Zusammenarbeit in Bezug auf die Aus- und Weiterbildung medizinischer Fachkräfte, Info-Abende bis in die kleinen Ortschaften Südtirols hinein, der Aufbau einer Virtuellen Medizinischen Bibliothek, die auch den Schwerpunkt Gendermedizin beinhaltet: Das vor allem als Urlaubsland definierte Südtirol legt ein beachtenswertes Tempo auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Gesundheitsversorgung vor.

Impulse, berichtet Veronika Rabensteiner, gab es dabei nicht nur aus dem nur rund 120 Kilometer entfernten Innsbruck im österreichischem Bundesland Tirol, wo Professorin Margarethe Hochleitner als eine der engagiertesten Vorkämpferinnen für eine geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung wirkt, sondern auch aus dem Süden. „Bei uns in Italien ist man dieser Thematik gegenüber sehr aufgeschlossen, sowohl an den medizinischen Hochschulen als auch in den Entscheidungsgremien des Staates.“ Ganz aktuell ist eine Information aus dem Gesundheitsministerium in Rom vom April 2016, in der explizit darauf hingewiesen wird, dass „Gendermedizin eine gezielte und differenzierte Betrachtungsweise voranbringen kann, so dass die Gesundheitsversorgung unter dem Blickwinkel der Gleichberechtigung optimiert“ werden könne. Auf diesem Weg befinde man sich in Südtirol seit 2007, so Veronika Rabensteiner, die aufgrund ihres Engagements für die „Medicina di genere“ seit vergangenem Jahr zum wissenschaftlichen Komitee der ersten italienischen Zeitschrift für gender-spezifische Medizin gehört. Auf dieser Direktive aufbauend, ist man ist Bozen jetzt dabei, eine Fach- und Arbeitsgruppe Genderhealth/Gendermedizin zu installieren. „Sie soll dabei helfen, Konzepte und deren Umsetzung zu gewährleisten, das Ganze noch mehr zu professionalisieren“, betont Veronika Rabensteiner.
Was sie sich jetzt wünscht: Einen verstärkten Erfahrungsaustausch auch über die Provinzgrenzen Südtirols hinaus. Wir wollen ihr helfen, in Deutschland die entsprechenden Partner/innen zu finden!

(Bericht aus Bozen von Annegret Hofmann)