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Dr. Dirk Keiner:
Männliche Osteoporose –
zu selten diagnostiziert, noch zu uneffektiv therapiert

Dr. Dirk Keiner ist Krankenhausapotheker am Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar und beschäftigt sich seit längerem mit Themen der Gender-Pharmazie.

Frauen und Männer benötigen bei bestimmten Erkrankungen eine unterschiedliche auch medikamentöse Therapie. Dass dies z.B. bei der Osteoporose erforderlich sein kann, haben Sie ausführlicher untersucht. Mit welchem Ergebnis?

Dr. Keiner: Über viele Jahrzehnte hinweg wurde die Osteoporose als reine „Frauenkrankheit“ definiert. Das hat sich geändert. Wir können davon ausgehen, dass etwa jeder fünfte Mann im höheren Lebensalter erkrankt – später als dies bei Frauen der Fall ist, wo etwa jede dritte nach den Wechseljahren von Osteoporose betroffen ist. Die Ursachen sind unterschiedlich. Bei Frauen handelt es sich in der Regel um eine primäre Osteoporose, worunter wir Hormonmangel und den Alterungsprozess verstehen. Bei Männern sprechen wir vor allem von der sekundären Osteoporose, bedingt durch Medikation und chronische Erkrankungen.
Als etablierte Risikofaktoren bei Männern gelten u. a. Rheuma, Prostatakrebs oder chronischen Darmerkrankungen. Gerade anti-hormonelle Therapien hemmen die Testosteronproduktion, was nicht nur die Knochen anfälliger und schwächer macht.
Die Suche nach der Ursache einer männlichen Fraktur erfolgt deutlich seltener als bei der Frau. Das diagnostische Defizit, zum Beispiel durch eine Knochendichtemessung, hat dann auch zur Folge, dass eine notwendige Osteoporosetherapie unterbleibt. Somit ist unsere Kenntnis in Bezug auf die Effektivität und Arzneimitteltherapiesicherheit von Bisphosphonaten und Co. insgesamt bei Männern noch nicht perfekt. Es sollte immer hinterfragt werden, ob sich das Management nicht doch zwischen Mann und Frau unterscheidet (u.a. Magenpassagezeit, GIT-Probleme, PPI-Comedikation, Basismedikation mit Calcium/Vitamin D3).

Die Studienlage ist also mager...?

Dr. Keiner: Ja leider zeigt sich das noch immer. Für einige Kombinationstherapien sind die Daten für Männer sehr rar. Die Neuzulassung von Romosozumab im letzten Jahr ist nur für die Frau erfolgt. Gerade mit dem Blick auf die Arzneistoffpipeline und die Gendermedizin sind zehn Prozent der Projekte bis 2023 nur auf die Frau fokussiert, darunter auch die Osteoporose (https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/perspektive-2023/neue-medikamente)
Studien zur Therapietreue ergeben spannende Ergebnisse für den Alltag. Es zeigte sich, ganz allgemein gesagt, dass Männer und jüngere Patienten ein höheres Noncompliance-Verhalten zeigten als Frauen und ältere Personen. Der interprofessionelle Austausch im Medikationsmanangement ist sehr wichtig und unbedingt stärker zu beleben. Dabei geht es um Berücksichtigung von Komorbiditäten und Polypharmazie genauso wie die Therapiestrategien etwa bei onkologischen Patienten.

Was bedeuten neue Erkenntnisse auch der Geschlechtsspezifik bei der medikamentösen Therapie für den Apotheker, die Apothekerin?

Dr. Keiner: Im Rahmen der personalisierten Therapie sind die geschlechterspezifischen Aspekte bei einer chronischen Erkrankung wie der Osteoporose unbedingt zu beachten. Das trifft auf die Behandlung genauso zu wie auf die pharmazeutische Betreuung. Das Geschlecht darf nicht zu Gesundheitsnachteil werden. Daher richtet sich unser Fokus auch auf die bisphosphonat-assoziierten Nebenwirkungen wie atypische Frakturen (F>M) oder Kiefernekrosen (F>M). Hier spielen die Applikationsart (i.v. > oral), die Therapiedauer und damit die Wirkstoffmenge sowie die Nierenfunktionseinschränkungen (F>M) eine wesentliche Rolle. Deshalb ist der Mann auch durch die Polypharmazie in das intensive Monitoring einzubinden wie etwa der Bestimmung des Frakturrisikos.

Das Gespräch führte:
Annegret Hofmann