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Prof. Dr. Gertraud Stadler Charité:
„GiM als Institut nun in die Plattform Versorgungsforschung eingebunden“

Sie haben mit dem Wintersemester die Professur für geschlechtersensible Präventionsforschung an der Charité angetreten. Was muss man sich darunter vorstellen und welche ersten Schritte haben Sie vor?

Prof. Stadler: Geschlechtersensibel zu forschen, bedeutet für mich, die Unterschiedlichkeit von Menschen in allen Studien zu berücksichtigen, und Geschlecht ist da ein wesentlicher Faktor. Als Forscherin interessieren mich personalisierte Präventionsangebote, die auf diese Unterschiedlichkeiten zugeschnitten sind. Dazu brauchen wir bessere Theorien, geeignete Studiendesigns und aussagekräftige Auswertungsmethoden. Nur damit können wir die hohe Forschungsqualität erreichen, die wir für die wissenschaftliche Evidenz und klinische Richtlinien benötigen.

Mein Schwerpunkt ist es, spezifische evidenzbasierte Angebote zur Verhaltensänderung entwickeln und systematisch mit intensiven Längsschnitten zu evaluieren. Frauen und Männer unterscheiden sich zum Teil drastisch im Gesundheitsverhalten. Oft kümmern sich Frauen mehr um ihre Gesundheit und wissen besser Bescheid. Männer dagegen haben beispielsweise mehr Erfahrung mit Bewegung. Und nicht-binäre Menschen haben sehr spezifische Bedürfnisse. Aber alle Menschen haben Probleme, Verhaltensänderungen über längere Zeit aufrecht zu erhalten. Deshalb untersuche ich mit meinen Forschungsteam oft das soziale Umfeld mit, also Paare oder Kinder mit ihren Eltern. So will ich mit meinem Team möglichst effektive Interventionen entwickeln, um einen gesunden Lebensstil über die Lebensspanne hinweg zu verankern.

Ich mache gerade erste Schritte, um Forschung zur Primärprävention von chronischen Erkrankungen hier in Berlin anzuschieben. Friederike Kendel und ich werden uns auch mit Sekundärprävention beschäftigen, das heißt mit der Frage, wie man den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann. Hier haben wir im Bereich der Krebserkrankungen laufende Projekte, bei denen wir mit Kliniken der Charité kooperieren. Eines dieser Projekte untersucht die Krankheitswahrnehmung und Entscheidungsfindung bei Männern mit einem lokal begrenztem Prostatakarzinom. Und ein anderes richtet sich auf die Risikokompetenz von Frauen mit familiärer Brust- und Eierstockkrebsbelastung.

Gibt es mit Blick auf die Gendermedizin Erfahrungen aus Ihrer Tätigkeit  in den USA und Großbritannien, die Sie in Berlin einbringen werden?

Prof. Stadler: Im englischsprachigen Raum habe ich einige interessante Ansätze kennengelernt, die die Geschlechterforschung breit verankert haben, die haben dort die Forschungslandschaft sehr grundlegend verändert.
Bei den National Institutes of Health in den USA stellen Forschungsteams bei jedem Antrag dar, wie Frauen und Angehörige von Minoritäten berücksichtigt worden sind, und die Gutachterinnen und Gutachter beurteilen, ob die Begründung für die Stichprobenzusammensetzung angemessen ist. Bei den kanadischen Institutes of Health Reseach ist zusätzlich eine Analyse nach Geschlecht ein Teil der Abschlussberichte, auch wenn die Erforschung von Geschlechterunterschieden keine zentrale Forschungsfrage war. In Großbritannien ist Athena SWAN (Scientific Women’s Academic Network) Teil der guten Praxis an allen Institutionen der akademischen Forschung und Lehre. Da hat sich viel geändert, die Institutionen sind familienfreundlicher geworden und wesentlich mehr Frauen tragen nun Führungsverantwortung. Da habe ich so einige Ideen, die vielleicht auch hier zu mehr gendered innovations in Forschung und Lehre führen könnten.

Mit Ihrer neuen Funktion verbunden ist die Leitung des GiM verbunden, welche Impulse für die geschlechtersensible Gesundheitsversorgung können wir erwarten?

Prof. Stadler: Als Institut sind wir in die neue Plattform Versorgungsforschung eingebunden. Und wir engagieren uns auch bei der Ausbildung des Nachwuchses. Derzeit tragen wir zur Lehre in der Medizin bei und sind eingebunden in die Entwicklung neuer Studiengänge in Pflegewissenschaften und Hebammenwissenschaften. Ich bin auch persönlich sehr froh über Gelegenheiten zur Vernetzung hier in Berlin, die deutsch-österreichische Expert/innen-Tagung des Netzwerks Gendermedizin & Öffentlichkeit und G3 war somit ein wunderbarer Einstieg.

Wir wünschen viel Erfolg!

Mit Prof. Gertraud Stadler sprach
Annegret Hofmann