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Prof. Dr. Petra Kolip:
„Mehr Gleichstellung, mehr Gesundheit –
auch für Männer!

Mit einer aufschlussreichen Studie hat unlängst die Universität Bielefeld auf sich aufmerksam gemacht: Die Gleichstellung von Frauen verlängert das Leben von Männern. Wir sprachen darüber mit Petra Kolip, die Psychologin und Gesundheitswissenschaftlerin hat dort seit 2009 die Professur für Prävention und Gesundheitsförderung inne. 

Faktoren der Gleichstellung von Frauen und Männern, so Ihre Studienergebnisse, tun Männern gut, verlängern ihr Leben. Wie sieht es dabei im Vergleich der Bundesländer aus?

Prof. Kolip: Unser Ausgangspunkt war zunächst ein internationaler Vergleich. Uns war aufgefallen, dass in Ländern, die mit der Gleichstellung schon recht weit sind, die Unterschiede in der Lebenserwartung von Frauen und Männern deutlich geringer sind als in Ländern, die mit der Gleichstellung noch nicht so weit sind. Uns hat interessiert, ob sich dieses Muster auch kleinräumiger zeigt. Wir haben den Gender Inequality Index der Vereinten Nationen mit Daten der Bundesländer „nachgebastelt“. Dort gehen fünf Faktoren ein: Müttersterblichkeit (ist in Deutschland so niedrig, dass der Faktor nicht berücksichtigt wird), Geburtenrate 15- bis 19jähriger, Anteil von Frauen in den Landesparlamenten, Verhältnis der Sekundarbildung von Frauen und Männern, Verhältnis der Erwerbsquote von Frauen und Männer. Berechnet man hieraus den Gender Inequality Index, schneidet Bayern tatsächlich sehr gut ab und Mecklenburg-Vorpommern bildet das Schlusslicht. Das hätten wir so auch nicht erwartet. Guckt man sich die Einzelindikatoren an, dann liegt die Geburtenrate der 15- bis 19jährigen in Meck-Pomm im Vergleich zu Bayern mehr als doppelt so hoch (5,6 vs. 12,8 je 1.000 Frauen), es sitzen mehr Frauen im bayerischen als im mecklenburg-vorpommerschen Parlament (gemittelt 2008-2015: 30,2 vs. 26,8%) und die Erwerbsquote liegt bei Frauen wie bei Männern in Bayern höher. Lediglich bei der Sekundarbildung schneidet Mecklenburg-Vorpommern besser ab.  In unseren Analysen zur Lebenserwartung und den Lebenserwartungsunterschieden haben wir dann aber das Brutto-Inlandsprodukt als Korrekturvariable berücksichtigt, da sich ja die Lebenslagen in den Bundesländern deutlich unterscheiden.

Inwieweit konnten Sie ermitteln, ob und wie Männer in Präventionsprogramme einbezogen werden bzw. es Unterschiede zwischen solchen für Frauen und solchen für Männer gab?

Prof. Kolip: Das haben wir in dieser Studie nicht berücksichtigen können, weil wir ja auf hoch aggregierte Daten der Statistischen Ämter zurückgreifen mussten. Es ist zwar seit fünf Jahren im Präventionsgesetz verankert, dass geschlechtsspezifische Besonderheiten berücksichtigt werden müssen, und dass mit Prävention und Gesundheitsförderung ein Beitrag zur Reduktion gesundheitsbezogener Ungleichheit zwischen den Geschlechtern geleistet werden muss, bislang tut sich da aber noch relativ wenig. Aktuell gibt es eine Ausschreibung des GKV-Bündnisses für Gesundheit bzw. der BZgA, mit der hier Modellprojekte angeschoben werden sollen. Ich erhoffe mir, dass damit auch eine Sensibilisierung der Akteure erfolgen kann und nicht nur kleine Interventionen – wie der Stresskurs für Alleinerziehende oder ein Kochkurs für Witwer - erprobt werden.

Die Ergebnisse zeigen auch, dass es wichtig ist, dass Soziolog/innen und Mediziner/innen wie auch Gesundheitspolitik enger zusammenarbeiten, das scheint viel zu selten der Fall zu sein, wie ich immer wieder höre. Wie war die Resonanz aus diesen Bereichen auf Ihre Studienergebnisse?

Prof. Kolip: Die Resonanz war erstaunlich gut, positiv wie negativ. Man gerät in solchen Studien auch auf den Schirm von Frauenhassern, die sich auf ihren Webseiten austoben - eine ganz neue Erfahrung für uns. 

Angesichts der Erkenntnisse, dass Gleichstellung, mehr Frauen-Mitgestaltung und neues Rollenverständnis so positive Folgen für die Männergesundheit haben kann, drängt sich mir die Frage auf, ob wir nicht umgekehrt auch gesundheitliche Auswirkungen eines risikovolleren Lebens von Frauen – Autofahrerinnen, Extremsportlerinnen, Frauen in bisherigen Männerberufen, aber auch mehr Raucherinnen und Alkoholmissbrauch bei Frauen – feststellen müssen. Beispiel ist der Lungenkrebs. Ein Pneumologe sagte mir einmal „wenn Frauen rauchen wie die Männer – und inzwischen zum Teil sogar häufiger – müssen sie auch sterben wie die Männer ...“.

Prof. Kolip: Ja, auch das ist zu beobachten, Tabakkonsum und Lungenkrebs sind da ein gutes Beispiel. Aber unsere Studie zeigt, dass sich Gleichstellung positiv auf die Lebenserwartung von Männern auswirkt, aber im Gegenzug keine negative Auswirkung auf die Lebenserwartung von Frauen hat.

Und noch eine ganz andere Frage. Sie kochen gern, wie ich den Veröffentlichungen entnehme – auch ein Thema in Bezug zur Geschlechtergesundheit. Wo sehen Sie Unterschiede in den Essgewohnheiten – vom Fleischkonsum mal abgesehen. Wie begeistert man Männer für Linsen und Kohl?

Prof. Kolip: Beim Kochen und Essen ist es wie bei allen anderen Themen der Gesundheitsförderung auch: Es geht darum, lustvoll Horizonte zu erweitern - bei Frauen wie bei Männern. Linsen und Kohl sind zwar auch in gesundheitlicher Perspektive interessante Lebensmittel, aber ich koche vor allem damit, weil sie lecker sind und sich so vielfältig zubereiten lassen. Ich kann verschiedene Aromen einbinden und so auf unterschiedliche Geschmäcker Rücksicht nehmen. Bislang hat noch kein Gast, männlich oder weiblich, eine meiner Kohlrouladen oder Linsensalate verschmäht!

Das Gespräch führte Annegret Hofmann