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Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione:
Nach Schnittstellen suchen,
Zusammenarbeit forcieren

Sabine Oertelt-Prigione hat seit Sommer des vergangenen Jahres eine Professur für Gendermedizin an der Radboud-Universität im niederländischen Nijmegen inne.
Das Thema begleitet sie seit Jahren - seit dem Studium in Italien und den USA, während ihrer Tätigkeit am Institut für Geschlechterforschung (GiM) an der Berliner Charité, in verschiedenen nationalen und internationalen Projekten. Seit Dezember ist sie zudem Vorstandsmitglied bei G3 – Arbeitsgemeinschaft für moderne Medizin. G3 – das steht für GeschlechterGerechte Gesundheitsversorgung.

In Deiner Antrittsvorlesung an der Radboud-Universität vor wenigen Wochen hast Du vor allem die Umsetzung von Sexual- und Geschlechteraspekten in der Medizin im Fokus gehabt ...

Prof. Oertelt-Prigione: Weil mir dies besonders am Herzen liegt! Wir können ja seit Jahren von wichtigen Erkenntnissen in der medizinischen Forschung berichten, die für eine geschlechteradäquate Diagnostik und Therapie entscheidende Verbesserungen bringen könnten. Aber wir müssen feststellen, dass davon bislang viel zu wenig bei Patientinnen und Patienten ankommt. Ich denke z. B. daran, dass wir vor vier Jahren, damals noch am GiM, eine aussagefähige Untersuchung zur Herzgesundheit von Berliner Frauen gemacht haben, die Befri-Studie. Von den befragten Frauen bewertete weniger als die Hälfte der Teilnehmenden, 41,35 Prozent, ihr kardiovaskuläres Risiko richtig, über die Hälfte unterschätzte es, darunter vor allem Frauen höheren Alters, mit fehlender Erwerbstätigkeit und sozialen Risikofaktoren. Wir scheinen also vor allem diejenigen, die Informationen und Prävention am nötigsten hätten, nicht zu erreichen. Das war für mich ein Aha-Erlebnis, mir wurde klar dass wir mit unseren Patientinnen und Frauen aus der Allgemeinbevölkerung anders in Kontakt treten müssen. Aus dieser Erkenntnis ergaben sich die zwei Hauptthemen für meine aktuelle Arbeit: neue Methoden, die Patientinnen und Patienten immer mit einbeziehen, und Arbeit in partizipativen Netzwerken, um die Umsetzung zu beschleunigen.

Vor fast zehn Jahren hatten wir an dieser Stelle ein Interview mit Professorin Ineke Klinge, Maastricht, die für ihr Land – ebenfalls – einen großen Nachholbedarf in Bezug auf die Gendermedizin beklagte. Wie stellt sich das für Dich dar?

Prof. Oertelt-Prigione: Ich habe den Eindruck, dass sich hier sehr viel bewegt hat. Das Geschlechterthema wird in den Niederlanden sehr konstruktiv diskutiert, ich will ein Beispiel nennen. Im Herbst 2017 hat eine große Handelskette angekündigt, Kinderbekleidung geschlechtsneutral anzubieten – also nicht mehr nur das vordergründige Rosa für Mädchen und das Hellblau für die Jungen. Sie kam damit einem offensichtlichen Bedürfnis aus der Bevölkerung nach. Immerhin sind das ja zwei spannende Seiten einer Medaille: Zum einem die Auseinandersetzung mit einer gesellschaftlich determinierten Geschlechterrolle, zum anderen in der Medizin die Erkenntnis der Geschlechterunterschiede. Und auch hier wurden interessante Initiativen ergriffen durch die Bildung von nationalen Netzwerken und Arbeitsgruppen – nicht zuletzt bei prominenter Wahrnehmung. Königin Maxima hat an einer solchen Initiativveranstaltung teilgenommen und uns alle im Oktober letzten Jahres am königlichen Palais in Amsterdam empfangen. Damit kommt das Thema in die Medien, nicht unwichtig in unserem Medienzeitalter!

Können wir voneinander lernen?

Prof. Oertelt-Prigione:
Wir sollten unbedingt! Ganz abgesehen davon, dass die Niederlande in verschiedenen Rankings, das Gesundheitswesen betreffend, immer ziemlich weit vor Deutschland liegen, vermutlich auch aufgrund einer etwas anderen Organisation des Gesundheitswesens. Bezüglich Implementierung gendermedizinischer Inhalte in die Lehre und die Anwendung moderner Erkenntnisse in die Praxis sind die Erfahrungen in unserem Nachbarland auf jeden Fall nützlich für das, was wir in Deutschland bewegen könnten und sollten. Auf internationaler Basis arbeiten wir bereits zusammen, wir sollten nach Schnittstellen suchen, die bilateral bearbeitet werden können. Ich denke dabei auch an die hausärztliche Versorgung – und hier nicht zuletzt daran, was wir mit unserem Verein G3 z. B. in Brandenburg bewegen wollen. Dort wie in den Niederlanden leben viele Menschen auf dem flachen Land, ein hoher Anspruch an Erreichbarkeit medizinischer Einrichtungen und Versorgungsqualität. Die Niederlande setzen hier viel auf Innovation, Digitalisierung und Patientenmündigkeit. Das könnte auch in Deutschland funktionieren - und dabei gendermedizinische Aspekte zu berücksichtigen wäre enorm wichtig.

Mit Sabine Oertelt-Prigione sprach Annegret Hofmann