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Prof. Sylvia Thun:
Mehr Frauen in die eHealth-Szene!

Frauen sind in die Digitalisierung des Gesundheitssystems zu wenig einbezogen, meint Prof. Dr. med. Sylvia Thun, seit 2017 Vorsitzende des Spitzenverbandes IT-Standards im Gesundheitswesen (SITIG).
Die Ärztin, Ingenieurin und Professorin für Informations- und Kommunikationstechnologien ermuntert junge Frauen, eHealth zu ihrem Thema zu machen. 
Wir sprachen mit ihr.

Irgendwie paradox: Immer mehr weibliche Studierende, immer mehr Digitalisierung in allen Feldern des Gesundheitswesens, aber als Thema für angehende Ärztinnen spielt letzteres keine Rolle... 

Prof. Thun: Das ist tatsächlich so, oder sagen wir lieber noch so! Man findet tatsächlich wenige Frauen, die sich bezüglich eHealth und Digitalisierung einbringen. Das ist schade, denn hier entwickeln sich Dinge, die unbedingt den Input der immerhin sehr zahlreichen Frauen im Gesundheitssystem benötigen. Das hat ja viele Seiten: Ärztinnen arbeiten mit der elektronischen Patientenakte – die hoffentlich bald überall Realität wird – schreiben Arztbriefe, betreuen Patient/innen telemedizinisch, interpretieren Daten aus dem Computer. Frauen in verschiedenen Pflegefachberufen bearbeiten Pflegedokumentationen. Das alles müssen alle Beteiligten, Frauen wie Männer, gemeinsam gestalten.

Was sind die Ursachen dafür, dass es so wenige Expertinnen in Sachen E-Health gibt? 

Prof. Thun: Das Problem gibt es ja nicht nur in Bezug auf eHealth. Die Szene ist generell männlich dominiert. Das beginnt bei den Studierendenzahlen und geht hinein in die Entscheiderszene. Ich bewege mich seit längerem als einzige Frau in etlichen eHealth-Gremien und plädiere deshalb, zumindest für die nächste Zeit, für eine Quote. Denn dass sich etwas ändern muss, erfordert die Thematik per se. Wir brauchen neue, auch andere Sichtweisen, Zugänge und Lösungen, wenn die Digitalisierung des Gesundheitssystems erfolgreich sein soll.

Ist es nicht auch so, dass elektronische Patientenakte, telemedizinische Betreuung von Patient/innen, Arztsoftware, dass Software- und Programmentwicklung auch auf den modernen Erkenntnissen der geschlechtersensiblen Medizin aufbauen sollten, um effektiv zu sein?

Prof. Thun: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich selbst diese so notwendige Verknüpfung von eHealth und geschlechtersensiblen Medizin noch nicht so gesehen habe – vielleicht ein Zeichen dafür, wie notwendig solche Kooperationen und der Erfahrungsaustausch sind! Wie werden Fragen gestellt, Daten interpretiert, aber auch, berücksichtigen entsprechende Programme neueste Erkenntnisse über Therapien, Medikation, Rehabilitation usw. Mir ist z. B. nichts darüber bekannt, dass bei der Softwareentwicklung geschlechtsspezifische Faktoren ins Kalkül gezogen werden. In vielen Bereichen spielen Zielgruppen eine wichtige Rolle, in diesem nicht. Die Zielgruppen Ärztinnen oder auch Frauen in den Pflegefachberufen und als MTA existieren irgendwie nicht ...

Eine Gendermedizinerin – Kardiologin – berichtete von den Erfahrungen von Patientinnen nach Infarkt und Herz-Reha, die inzwischen telemedizinisch betreut werden. Ihnen entsprächen Ansatz und Fragestellungen dieser Betreuung oft nicht, sie hätten Schwierigkeiten damit. Das lässt ahnen, dass Telemedizin bei diesen Patientengruppen vielleicht nicht den versprochenen Erfolg hat...? Sicherlich muss das noch näher untersucht werden. Immerhin wissen wir inzwischen z. B. auch, dass Ärztinnen im Vergleich zu Ärzten im Kontakt mit Patienten unterschiedlichen Geschlechts eine andere Kommunikationsstrategie verfolgen, andere Fragen stellen, usw. – mit durchaus auch unterschiedlichen Erfolgen. Müsste das nicht bereits in der Entwicklung auch für die Telemedizin und ihre Möglichkeiten gelten? 

Prof. Thun: Selbstverständlich, und auch dafür bräuchte man Entwicklerinnen, Expertinnen – und einen intensiven Austausch mit der Gendermedizin. Und noch mal mit Blick auf unterschiedliche Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten: Auch die jetzt oft z. B. von den Krankenkassen zur Verfügung gestellten Gesundheits-Apps und die Patientenberatung über das Web ist aus meiner Sicht ein weites Feld für die Anwendung moderner Erkenntnisse der Gendermedizin. Nicht zuletzt sollten sich Start-ups und hier besonders junge IT-Fachfrauen angesprochen fühlen.

Sie haben u. a. bereits zweimal auf der Düsseldorfer MEDICA Veranstaltungen initiiert, die das Interesse von Medizinerinnen wie auch Frauen aus der IT-Branche für „SheHealth“ wecken sollten... Ein schönes Wortpaar – She und eHealth!

Prof. Thun: Es geht mir und Mitstreiterinnen wie Dr. Christiane Groß, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, darum, hier wirklich Veränderungen anzustoßen. Das sind natürlich erst einmal schwierige Anfänge. Aber vielleicht gelingt es nicht zuletzt auch über die Gendermedizin, neue Partnerinnen zu interessieren und zu gewinnen. Ich freue mich, dass wir an „meiner“ Hochschule Niederrhein in Krefeld im Studiengang eHealth über 50 Prozent Frauen haben – und hoffe für sie natürlich, dass sie in nächster Zeit die Entwicklung wesentlich mitbestimmen.
Im übrigen lohnt sich auch der Blick über den Gartenzaun: In Österreich hat die Ärztin Dr. Susanne Herbeck über viele Jahre die Entwicklung der Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) geleitet, nicht ohne enge Zusammenarbeit mit Expert/innen des Gesundheitssystems. In den Niederlanden ist Lies van Gennip seit 2012 Direktorin des NICTIZ. Dieses Institut gilt als einer der Pioniere der eHealth-Szene in Europa. Auch außereuropäisch – insbesondere in Kanada und bislang auch in den USA - sind Frauen maßgeblich in den Bereichen der Gesundheits-IT tätig. Wir haben viel nachzuholen!

Mit Prof. Thun sprach Annegret Hofmann

(Bleibt anzumerken, dass in den genannten Ländern bekanntlich auch die Gendermedizin eine wichtige Rolle innerhalb des Gesundheitssystems spielt!
Und zum Thema Digitalisierung auch ein Interview mit unserem Beiratsmitglied Prof. Alexandra Kautzky-Willer:
https://www.derstandard.de/story/2000069719114/big-data-ist-fuer-die-medizin-unglaublich-hilfreich)