Vorständin Andrea Galle:
Festgefahrene Strukturen im Gesundheitssystem aufzuweichen
bringt auch geschlechtersensible Gesundheitsversorgung voran

Interview
14.08.2022
Krankenkassen übten lange Zeit eine vornehme Zurückhaltung, wenn es um geschlechtersensible Gesundheitsversorgung geht. Von gelegentlichen Interviews und temporären Aktionen wie z. B. der dreiwöchigen Aufklärungskampagne #Ungleichbehandlung der Barmer im vergangenen Herbst abgesehen.
Doch wer sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, begegnet früher oder später Andrea Galle, Vorständin der BKK VBU.

So offensiv, wie diese Frau das Thema angeht, hört man es selten von Krankenkassen. Grund genug, mit ihr zu sprechen.


In Interviews und Beiträgen formulieren Sie immer wieder, es sei endlich Zeit für mehr Diversität in der Gesundheitsversorgung. Was kann eine Krankenkasse dabei tun?

Andrea Galle: Zunächst einmal haben wir Krankenkassen einen gesetzlichen Auftrag durch den § 2 |b SGB V, den geschlechtsspezifischen Besonderheiten in der Versorgung Rechnung zu tragen. Das ist mindestens seit sechs Jahren eine wichtige Richtschnur für alle Krankenkassen, doch leider erleben wir, dass sich das weitestgehend noch nicht implementiert hat. In aller Munde ist der Wunsch nach einer patientenzentrierten Versorgung. Aber dazu gehört auch ganz klar der Fokus auf das Geschlecht. Denn wenn biologische Unterschiede systematisch ignoriert werden, gehören Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen zur Folge. Eine individualisierte Versorgung, die das Alter, Geschlecht oder das soziale Umfeld berücksichtigt, wird durch das damit einhergehende mehr an Qualität der Behandlung langfristig auch immense Kosten einsparen und dem/der Einzelnen neben dem Behandlungserfolg ein mehr an Lebensqualität bringen. Um dies weiter voranzutreiben, setzen wir zum einen breit angelegte Kampagnen und Informationsveranstaltungen um. Zudem ist es unser Ziel, geschlechtsspezifische Aspekte in all unseren Versorgungs- und Präventionsangeboten, aber auch in der Ansprache unserer Kundinnen und Kunden mitzudenken und umzusetzen. Letztlich ist das Thema Bestandteil aller Checks in unserem Unternehmen. Wenn wir einen neuen Vertrag schließen, z.B. mit Herstellern von digitalen Gesundheitsanwendungen, dann muss auch immer nachgewiesen werden, inwiefern die Gender-Thematik in dem Versorgungsangebot berücksichtigt wird.

Nun sind wir mittlerweile in der glücklichen Lage, dass Wissenschaft und Forschung – dank der Beharrlichkeit auch der ersten Gender Medicine-Aktivistinnen in den USA und mittlerweile auch in Europa – immer neue Erkenntnisse und Forschungsergebnisse auf den Tisch legen, die es möglich machen sollten, geschlechtersensible Versorgungsangebote etablieren zu können. Das geschieht aber nicht ...

Andrea Galle: Ich sehe da Hemmnisse und Fallstricke, die auch in festgefahrenen Strukturen begründet sind. Z.B. in der Frage, wie die medizinischen Professionen miteinander zusammenarbeiten und wie ein Umfeld aussehen könnte, in dem patientenzentriert gehandelt wird. Nehmen wir ein Beispiel: Vielerorts wird über die Bestrebungen diskutiert, Medizinische Versorgungseinrichtungen, Ärztehäuser, zu betreiben. Diese sogenannten MVZ wären in vielerlei Hinsicht eine gute Alternative für Mediziner und Medizinerinnen, die es nicht in die Niederlassung der Einzelarztpraxis zieht. Die Kommunen haben dafür keine Ressourcen, aber kommerzialisieren – sprich: es den sogenannten Heuschrecken überlassen – will man auch nicht. Ich verstehe nicht, warum es uns Krankenkassen verboten ist, Ärztehäuser oder Gesundheitszentren als Eigenbetrieb zu führen. Das ist etwas, wo wir als selbstverwaltete gesetzliche Krankenkasse in einem neuen Zukunfts- und Rollenbild in der Lage wären, medizinische Versorgung aktiver mitzugestalten. Krankenkassen haben kein Primärinteresse an der Gewinnmaximierung und wären, nebenbei gesagt, gute Arbeitgeber, die Ärzten und Ärztinnen ein attraktives Arbeitsumfeld und eine gute Work-Life-Balance gewährleisten können. Wie passt das zur Frage? Der Idee eines Netzwerks folgend, könnten in diesen vorbildlich digitalisierten Gesundheitszentren geschlechtersensible Behandlungskriterien für eine patientenzentrierte Versorgung umgesetzt und gleichzeitig gute Arbeitsbedingungen für Frauen und Männer in Gesundheitsberufen ermöglicht werden. Und durch die Verzahnung der verschiedenen Fachrichtungen profitieren die Patientinnen und Patienten von einer besser aufeinander abgestimmten Behandlung. Aber, nach dem Willen des Gesetzgebers, bisher alles noch reine Zukunftsmusik!

Die BKK VBU hat im Frühjahr eine repräsentative Umfrage unter 1 000 Erwachsenen gemacht, inwieweit Kenntnisse zu geschlechterspezifischen Unterschieden bei Erkrankungen vorhanden sind. Einigermaßen erschreckend das Ergebnis – ich zitiere aus Ihrer Presseinformation:
"Rund Dreiviertel der Bundesbürgerinnen (72%) und der Bundesbürger (73%) sind laut unserer repräsentativen Umfrage unter 1.000 Erwachsenen der Auffassung, die medizinische Versorgung in Deutschland würde sich gleichermaßen am weiblichen und am männlichen Geschlecht ausrichten. Demgegenüber glauben 17% der Befragten, dass sich Versorgung eher am Mann orientiert. Nahezu unvorstellbar scheint, dass es das weibliche Geschlecht ist, an dem sich Versorgung ausrichtet: lediglich 2% der Befragten sahen dies überhaupt als Möglichkeit."
Hier tut sich ungeheurer Informationsbedarf auf ...


Andrea Galle: Unbestritten. Aber häufig bleibt diese Aufklärung auch über das Fachpersonal aus. Unsere Umfrage hat ebenso ergeben, dass über Dreiviertel der Menschen in Deutschland noch nie in der Arztpraxis oder Apotheke über die unterschiedliche Wirkung von Medikamenten für Männer und Frauen aufmerksam gemacht wurden.
Hier könnte man abhelfen, indem z.B. auch Beipackzettel verpflichtende Informationen zu geschlechtsspezifischen Determinanten, die die Wirkung des Medikaments beeinflussen können, enthalten müssen. Auch darüber hinaus ist geschlechtssensible Kommunikation eines der Schlüsselwörter für mich. Viele Präventionsprogramme bleiben leider erfolglos, wenn sich die Adressaten nicht angesprochen fühlen. Wenn wir z.B. feststellen, dass Frauen häufiger Kursangebote nutzen als Männer, dann nutzt es wohl kaum, wenn Männern dies unter die Nase gerieben wird. Wir sollten uns vielmehr fragen, warum das so ist und wie wir mit einer differenzierten Ansprache und differenzierten Angeboten Interesse und Inanspruchnahme steigern können! Mir persönlich ist es an der Stelle wichtig, zu betonen, dass es sich bei geschlechtsspezifischer Versorgung nicht um ein „Frauenthema“ handelt, wie es von manchen abgetan wird. Geschlechtsspezifische Medizin wird nicht der „political correctness“ wegen umgesetzt, sondern um eine ressourcenschonende, individualisierte Behandlung für Männer und Frauen mit bestmöglichem Therapieerfolg zu garantieren. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Kaum einer weiß, dass auch Männer – wenn auch sehr selten – an Brustkrebs erkranken können. Doch welcher Arzt übernimmt diese Früherkennung? Daher bieten wir die Brustkrebsvorsorge nach der Methode „Discovering Hands“ als Untersuchung durch blinde Tasterinnen auch für Männer an.

Das bringt mich auf eine weitere Frage: Würden mehr Frauen in den Krankenkassen-Vorständen diesbezüglich etwas bewegen können?

Andrea Galle: Sicher nicht von heute auf morgen, aber wichtig ist es auf jeden Fall, den „weiblichen Blick“ neben Forschung und Lehre auch in der Versorgungspraxis und den Entscheidungsgremien des Gesundheitswesens deutlich zu erhöhen! Was wir brauchen, sind Entscheidungsstrukturen und -gremien, die alle Geschlechter mit ihren spezifischen Besonderheiten und Anforderungen integrieren – und zwar gleichrangig. Denn wenn eine Vielzahl der Entscheidungen in unserem Gesundheitswesen nach wie vor von Männern getroffen wird, stellt das unweigerlich Weichen und setzt einseitige Betrachtungen fort bis ins ärztliche Behandlungszimmer.
Vor etlichen Jahren war ich noch eine von wenigen Frauen – oft sogar die einzige – in den Gremien, in denen über Gelder entschieden wurde. Nach meiner Erfahrung setzen Männer Themen anders als Frauen. Häufig wurden hoch technisch anmutende Komponenten bevorzugt, während Projekte, die auch soziale Bezüge hatten wie Pflege und Familie, seltener den finanziellen Zuschlag bekamen. Vielleicht einer der Gründe, warum die sprechende Medizin auch in Vergütungen gegenüber der Apparatemedizin hinterherhinkt. Wir können nur gewinnen, wenn wir beide Perspektiven in unsere Entscheidungen einfließen lassen. Wenn wir unsere Gesellschaft und Gesundheitsversorgung vielfältiger, moderner, zukunftsorientierter gestalten wollen, dann brauchen wir auch vielfältige Sichtweisen in den Führungsebenen. Glücklicherweise erkennen wir in der Gesellschaft ein größer werdendes Problembewusstsein, und das ist der erste Schritt. Immerhin sehen wir bei den Krankenkassen, wenn es auch meist die kleineren sind, dass es stetig immer mehr Frauen als Vorständinnen gibt. Es ist vor allem die jüngere Generation, die diesen Wandel stark vorantreiben wird, da bin ich mir sicher.

Vielen Dank, wir freuen uns auf weitere Zusammenarbeit!

Das Interview führte Annegret Hofmann

Website der BKK VBU
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