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Wachsendes Interesse an gendersensiblen Fragen

Das meint Dr. med. Iris Hauth, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Ärztliche Direktorin des Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee – nicht zuletzt mit Blick auf den DGPPN-Kongress im November 2016. Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) geht davon aus, dass Psychiatrie und Psychotherapie wie keine andere medizinische Disziplin auf gesellschaftliche, soziale und politische Entwicklungen reagieren müssen.

Frau Dr. Hauth, Sie sind nicht nur Präsidentin der DGPPN, sondern gehören selbst dem Referat Frauen und geschlechtsspezifische Fragen der DGPPN an. Sind Sie mit dem zufrieden, was in Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde bezüglich einer geschlechterspezifischen Diagnostik und Therapie geschieht?

Dr. Hauth: Zufrieden kann man nicht sein, zumal bekannt ist, dass es Unterschiede in der Erkrankungshäufigkeit gibt. Bei depressiven Erkrankungen und Panikstörungen sind zwei Drittel der Betroffenen weiblich. Dagegen gibt es bei Männern erhöhte Prävalenzraten bei Abhängigkeitserkrankungen, und aus der Hirnforschung wissen wir seit langem, dass es Unterschiede in der Morphologie und Physiologie gibt. Gendersensible Therapiestudien, sowohl zur Psychopharmakotherapie als auch Psychotherapie sind noch eher selten. Zum Beispiel hat die S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie Depression, die Ende 2015 veröffentlicht wurde, Kapitel zu Geschlechtsunterschieden bei der Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren und vor allem ein ganzes Kapitel zum Behandlungszyklus assoziierter depressiver Störungen bei Frauen herausgegeben.

... das Interesse an diesen Fragen ist geweckt?

Dr. Hauth: Im Wissen, dass genetische und hormonelle Einflüsse auf die Hirnentwicklung, auf Hirnmorphologie und damit auch auf das seelische Befinden haben, im Wissen, dass psychosoziale Einflussfaktoren, wie geschlechtsspezifische Erziehung, Sozialisation, Rollenerwartung, unterschiedlicher sozialer Status, Einfluss auf die seelische Befindlichkeit haben, bin ich sicher, dass sich ein erhöhtes Interesse an gendersensiblen Fragen entwickeln wird. In allen Forschungsaufträgen sollten diese Aspekte auch bindend verankert sein und die Aus- und Weiterbildung muss diesen Aspekt z.B. auch in der Musterweiterbildungsordnung Rechnung tragen.

Das sind notwendige Prozesse und erforderliche Maßnahmen, aber was ist schon jetzt machbar, um sich in der Versorgung, Diagnostik und Therapie besser auf die spezifisch geschlechtsunterschiedlichen Aspekte psychischer Erkrankungen und psychotherapeutischen Handelns einzustellen? 

Dr. Hauth: Dazu müssen alle an der medizinischen Versorgung beteiligten Berufsgruppen eine größere Sensibilität entwickeln. In den letzten Jahren gab es zunehmend mehr Fachveranstaltungen und Tagungen, die das Thema aufgriffen, eine erfreuliche Tendenz. Die ganz praktischen Anforderungen aus dem Alltag verlangen dies ohnehin: Die Zunahme psychischer Erkrankungen bei Frauen und Männern im Zusammenhang mit Arbeits- und Doppelbelastungen, wie dies z. b. der DAK-Gesundheitsreport 2016 aufzeigte, stellen nicht nur die Psychiater und Psychotherapeuten, sondern auch Arbeitsmediziner, behandelnde Haus- und Fachärzte vor die Notwendigkeit, intensiver nach psycho-sozialen Risiken zu schauen, gemeinsam mit der Wissenschaft entsprechend auch geschlechtsspezifische Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Das Gespräch führte Annegret Hofmann